Das Studentenleben

Bauru, Brasilien. Ich sitze gerade hier mit einem Kaffee und schreibe. Das ist wohl einer der Sätze, die mir am Besten gefallen, um einen Artikel einzuleiten. Sich die Gemütlichkeit und Zeit zu nehmen, um vielleicht gedanklich kreativ zu werden, zu reflektieren, zu verstehen, zu denken und das neu entstandene Gedankengut zu „Papier“ zu bringen. Man kreiert sich seine Umgebung vorher so zurecht, dass man sich wohlfühlt. Das richtige Licht, ein bequemes Eckchen und ruhige Musik. Wenn das nicht möglich ist, dann einfach nur eine lärmende Bar, im Fernseher läuft Fußball, ein paar begeisterte junge Männer sitzen aufmerksam davor, Torgeschrei, ein harter Holzschemel, ein schwarzer, bitterer Kaffee und eine Zigarette, die den Raum mit ihren graublauen Schwaden schmückt und einen dabei emotional in eine andere Situation befördert. Ich sitze gerade an der Wohnzimmerbar eines chaotischen Studentenhauses. Ameisen tragen die letzten Brotgrümel weg, welche die Bar zieren. Eine Flasche Ketchup steht auf der Armlehne des Sofas, wartend darauf, dass sie ergiebig über ein mit Käse belegtes Brot gegossen wird. Carlos, der Hund des Hauses, liegt gelangweilt, jedoch wachsam auf einem zerschundenen Sofa und wartet darauf, dass etwas passiert. Ein paar Stadttauben ergötzen sich im Hof des Hauses einiger Krümel, die in den Fugen des Pflasters hängengeblieben sind. Das Wetter ist wolkig, jedoch heiter und die Luft, die kaum eine Bewegung aufweist, bietet den Mücken Gelegenheit, sich ihrer Opfer zu widmen. Es ist Samstag Nachmittag um zwei Uhr und allmählich kommen auch die letzten aus ihren Höhlen gekrochen, die sie am Vorabend nach einer durchzechten Nacht mit Bier und Whisky aufgesucht haben. Mittlerweile zeigt der Fernseher nur noch ein blaues Standbild und es ertönt gediegen ¨Blackmusic¨ aus dem Heimkinosystem, die den Raum mit einer entspannenden Atmosphäre versieht. Langsam gehen mir die Worte zur Situation aus, denn die meisten Bewohner haben sich nach unten in die Garage verzogen. Die Bewegung im großen Wohnzimmer läuft gegen Null, so sehr, dass wahrscheinlich alles so stehen und liegen bleibt, bis das Hausmädchen am Montag um acht wieder hereinspaziert, um Ordnung im Chaos zu schaffen. Die einzigen Dinge die von den Bewohnern des Hauses dieses Wochenende noch bewegt werden, sind die Handys, Geldbörsen, Feuerzeuge, volle Flaschen und saubere Gläser, die Kühlschranktür und die Controler der Videospielekonsole, mit der sich meist die Zeit bis Abends vertrieben wird. Ein Haus voll junger Männer aus gutem Hause, die vor Allem gelernt haben, das Leben zu leben. Draußen fuhr gerade ein Auto los, besetzt mit Freunden des Hauses, die kurz zum Quatschen vorbeigekommen sind. Mittlerweile hat sich das blaue Standbild im Ferseher wieder in eine grüne Wiese mit bunt gekleideten Männern verwandelt, die aufgeregt einem kleinen weißen Ball hinterherrennen, der aus der Ferne nicht größer erscheint als ein Stecknadelkopf. Ein Studentenhaus, welches eine Ausnahme der eigentlichen, brasilianischen Realität wiederspiegelt. Studenten, die Dank ihrer Eltern die Möglichkeit hatten auf eine gute Privatschule zu gehen, um danach an einer Staatlichen Universität ohne Studienkosten studieren zu können. Hingegen haben die Abgänger einer staatlichen Schule mit bescheidenem Bildungsniveau nur schwere Karten, den Aufnahmetest für eine Staatliche Universität zu bestehen. Somit trennt sich das wohlhabende Volk von der armen Bevölkerung und es entsteht eine große Ungleichheit. Ich selbst wohnte hier in diesem Studentenhaus während eines kurzen Praktikums vor eineinhalb Jahren und war gerade dabei, meinen Freunden hier vor meiner Weiterreise einen kurzen Besuch abzustatten. Eine Ausnahme, jedoch ein Teil meines Weges, der sich mit guten Gesprächen, geteilter Freude und alten Erlebnissen, die sich hier erzählt werden, als eine absolute Bereicherung meiner Reise darstellt.

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